Ustertag

Veröffentlicht am Veröffentlicht in Petra Baettig
Am 22. November 1830 ging es um Gleichberechtigung von Stadt und Land. Damals waren nur Männer an diesen Diskussionen beteiligt. Von den Frauen fehlt jede Spur in den offiziellen Dokumenten und Berichten. Noch heute wird den Männern oft mehr zugetraut. Damit sich dies ändert sind auch wir Frauen gefordert. Wir müssen aktiv werden und mutig Gesellschaft Spuren hinterlassen.

Als Vorrednerin wollte ich die Geschichte des Ustertages aus der Perspektive einer damals anwesenden Frau schildern. Nur – leider habe ich in den Quellen im Archiv, den offiziellen Berichten, Briefen und Zeitungsartikeln nichts über irgendeine beteiligte Frau gefunden. Gar nichts. Natürlich war mir klar, dass die Frauen damals eine andere Rolle hatten, als wir heute.  Aber dass sich 10’000 Menschen vor der Kirche in Uster treffen und da keine einzige Frau anwesend sein soll – das kann ich immer noch kaum glauben.

Die Zeit rund um den Ustertag war eine Zeit des Umbruchs. Ab 1810 gab es in der Region immer mehr mechanische Spinnmaschinen, womit es zum Wechsel von der Heimarbeit zur Fabrikarbeit kam. Die Besitzer der Fabriken bildeten– zusammen mit reichen Bauern, Ärzten oder Müllern – eine neue Mittelschicht. Diese Männer waren nicht nur mit ihrer Arbeit ausser Haus tätig, sondern auch in der Politik oder im Militär aktiv. Gleichzeitig wurden die Frauen immer mehr daheim isoliert, wo sie für den Haushalt und die Kindererziehung zuständig waren.

 

Wo waren die Frauen am Ustertag?

So gehe ich davon aus, dass die Frauen am 22. November 1830, wenn sie nicht in der Fabrik gearbeitet haben, wahrscheinlich mit der Wäsche und den Kindern beschäftigt waren, Briefe geschrieben oder im Haushalt nach dem Rechten geschaut haben. Eine ernüchternde Feststellung: Während die Männer Geschichte machen, machen die Frauen die Wäsche.

Seither sind bald 200 Jahre vergangen und seit 1981 ist die Gleichberechtigung in der Bundesverfassung verankert. Heute haben wir Schwangerschaftsurlaub, Krippenplätze, teilweise Tagesschulen und wir Frauen sind gut und immer besser ausgebildet. Und trotzdem wird auch heute noch einem Mann oft mehr zugetraut, sind Frauen in vielen Gremien noch untervertreten. Was meiner Meinung nach noch oft fehlt, sind Vorbilder – starke Frauen, welche sich aktiv und selbstverständlich ausserhalb der Familie in die Gesellschaft einbringen. Doch es liegt nicht nur an einigen überragenden Beispielen, sondern an uns allen. Es liegt an uns Frauen, die Gleichberechtigung zu leben und zu fordern, uns selber etwas zuzumuten, aktiv zu werden – und eben – Geschichte zu schreiben!